Lara

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Ich weiß, dass man keinen Satz mit ich beginnen soll, dennoch hab ich es getan. Das über mich und warum ich gerne Regeln breche. Sonstiges Wissenswerte: Bachelor und Master in was Geisteswissenschaftlichem, Stationen bei SZ und diversen Online- Redaktionen - schreibe am liebsten über nette Menschen. Das war’s.

Klischee Nummer 1: Handwerkliches ist Männersache. Klischee Nummer 2: Wenn etwas im Haushalt kaputt geht, wird der Mann gerufen. Klar, das sind nur Vorurteile und vermehrt sieht der Sachverhalt anders aus – vor allem bei den beiden Frauen, die wir euch im heutigen Beitrag vorstellen. Leika, 20, und Franzi, 27, absolvieren eine Ausbildung zur Tischlerin in einer Frauentischlerei. Sie verraten uns wie und warum man Tischlerin wird, wie ihr Arbeits- und Ausbildungsalltag aussieht und was ihr Lieblingsrohstoff ist.

Kaffeeklatsch und Holz

Franzi, 27, und Leika, 20, sitzen an einem großen, fein abgeschliffenen Holztisch. In der Mitte auf der massiven Tischplatte steht eine mittlerweile nur noch halbvolle Kanne Kaffee, die sich mit Fortschreiten ihrer Diskussion und des Morgens lehrt. Es ist früh und man sieht den beiden die Nachwirkungen der Nacht leicht an. Das hält sie aber nicht davon ab, Neuigkeiten auszutauschen, Witze zu machen oder hitzig über Meinungsverschiedenheit zu diskutieren – ein typischer Kaffeeklatsch eben: „Ich fühle mich sehr viel mehr hingezogen zu einem Holztisch.”, sagt Franzi und streicht mit der flachen Hand über die glatte Tischfläche. „Aber es gibt auch echt viele schöne Platten.“, entgegnet Leika. Dann geht es auf einmal um Spanplatten, Schichtholzplatten und deren Eigenheiten. Wir korrigieren: Vielleicht doch nicht so ein typischer Kaffeeklatsch – Dafür aber ein normales Gespräch zwischen zwei Auszubildenden im Aufenthaltsraum der Tischlerei „holzart“, einem Betrieb in dem nur Tischlerinnen arbeiten.

Tischlerin

Wie ist eine Lehre als Tischlerin?

Momentan befinden sich Franzi und Leika an der Schwelle vom ersten Lehrjahr zum zweiten. Das bedeutet: Bald geht es für sie eineinhalb Jahre in einen Kooperationsbetrieb, wo sie nicht mehr fünf Tage die Woche von Handwerkerinnen umgeben sind und angeleitet werden. Das in ihrem aktuellen Betrieb nur Frauen arbeiten ist eine Seltenheit, liegt doch die Frauenquote in Handwerksberufen bei 20 Prozent, laut einer Umfrage des Online-Portals Statista von 2017.

Das bietet Vorteile, weiß Franzi: „Das schöne ist, dass wir die Zeit hatten, um zu üben und um rein zu kommen. Wie fühlen sich die Materialien an.“ Und um das zu fühlen, ging es für die beiden nach der morgendlichen 8 Uhr Besprechung, regelmäßig eine Runde durch die Werkstatt: Aufräumen, alles nutzungsbereit hinterlassen und den ein oder anderen Holzverschnitt, der nicht ins Plattenlager gehört, für den Eigenbedarf einstecken. „Unsere Hobelbänke sind voll bis oben hin. Wir müssen schon immer lachen, wenn wir etwas aussortieren.“, sagt Leika.

Nach dem morgendlichen Gang durch die Werkstatt ging es für die beiden und ihre drei Mitauszubildenden zu Beginn ihrer Ausbildung an besagte Bänke. Vier an der Zahl stehen in einer eigenen, an den Aufenthaltsraum angrenzenden, Halle. Wie Schulbänke wirken sie auf den ersten Blick, bis man die zerkratzten, von Gebrauch zeugenden Tischplatten sieht, die kein Lehrer*innen-Auge gebilligt hätte. Dennoch durchlebten die beiden in diesem Raum ähnlich miserable Stunden wie manch einer auf der Schulbank.

Monatelang arbeiteten sie hier an einer Werkzeugkiste. Die Besonderheit: keine elektrischen Werkzeuge, alles musste mit Hand, Schweiß und einfachsten Werkzeugen erledigt werden. Das begann beim Rinde hobeln der Bohle, einem Stamm, bis zum fertigen Produkt – einem aufregend unaufgeregten Werkzeugbehälter, dem man den Schweiß und die Verzweiflung, die er verursachte, nicht ansieht. Nur auf diese Weise lerne man, wie was funktioniert, nur so beherrsche man jede Bewegung souverän, wissen die beiden rückblickend. Damals dagegen Verzweiflung: „Wir wollten das verdammte Ding einfach gern durch die Maschine schieben. Das wäre so einfach gewesen.“, erinnert sich Franzi mit einem wehleidigen Grinsen. Damals hätten sie sich auch in der Berufsschule bei ihren 90 Prozent Mitschülern und 10 Prozent Mitschülerinnen ausgeweint. Eine Frauen-zu-Männerquote die sich von der Berufsschule bis in den Betrieb zieht.

Tischlerin

Und so wird man Tischlerin

Dass der Männeranteil in diesem Beruf so hoch sei, habe beide aber nicht abgeschreckt. „Es ist einfach etwas, das Mädchen nicht so nahegelegt wird.“, sagt Leika.“ Da fehlt dann einfach dieser Mut, sich zu trauen.“ Und den hatten die beiden, damals noch Abiturient*innen, auch nicht direkt nach dem Abschluss. Da wurde dann erstmal über mögliche Studienwege nachgedacht oder im Fall von Franzi um die Welt gezogen. Als sie verrät, dass sie viereinhalb Jahre als Flugbegleiterin arbeitete, mag das kurzzeitig gar nicht zusammenpassen, mit der Frau, die da vor einem sitzt. Sie trägt abgewetzte Arbeiterklamotten, Sicherheitsschuhe und kann sich in den verschiedenen Hobelarten – Raubank, Putzhobel, Schrupp- oder Schropphobel – verlieren. Leika dagegen ist eher die pragmatische. Sie ist zufällig in die Ausbildung hineingerutscht, nach Work and Travel und verpasster Studienfrist. Dabei betont sie, dass das nicht die Norm ist. Die meisten Frauen in ihrer Klasse seien älter und haben schon ein Studium hinter sich. Das führt sie darauf zurück, dass sich bei den Mädchen das Bewusstsein für einen handwerklichen Beruf erst entwickeln muss. Hat man diese Schwelle aber einmal überwunden, so beteuern die beiden, dann lernt man, was man mit seinen Händen, Holz oder eben Platten alles anstellen kann.
Aber Moment mal, wie ging denn nun eigentlich der Wettkampf der beiden Rohstoffe aus? Die Kaffeekanne ist mittlerweile nur noch zu einem Viertel gefüllt und Franzi und Leika dementsprechend munterer. So kommt es, dass plötzlich die Platten leicht in Führung gehen: Man arbeite ja viel häufiger mit dem Rohstoff und da sei er schon praktisch und „gerade wenn die so mit Linoleum beschichtet sind. Das Coole ist, das es die in jeder Farbe gibt.“, wirft Leika ein und Franzi nickt – das ist schon praktisch.

Tischlerin

Frauen in Handwerksberufen

Nicht weniger praktisch ist dann wohl auch, dass die beiden jungen Tischlerinnen in einer Einrichtung gelandet sind, in der ihnen Raum gelassen wird, sich zu entfalten. Denn eben das strebt der Verein Baufachfrau Berlin e.V., zu dem die Tischlerei „holzart“ gehört, an. Die Devise lautet, Frauen in Bau- und Ausbauberufen fördern und nahhaltiges Bauen etablieren. Deshalb betreut und entwickelt der Verein verschiedene Projekte, wie das QLab. Es ist eine Art offene Werkstatt, in der Frauen an nachhaltige und neue Baustoffen herangeführt werden und unter Aufsicht der Expert*innen experimentieren und gestalten.
Bis Franzi und Leika zu solchen Expert*innen werden dauert es noch etwas. Das Anschwellen des Lärms aus der benachbarten Werkstatt, das Surren der Sägen bedeutet auf jeden Fall eines: zurück an die Arbeit. Doch davor gilt es noch eine Frage zu klären: Holz oder Platten? Franzi schenkt sich den letzten Rest aus der Kanne ein und holt zum finalen Schlag aus. Man könne aus Holz super einfach Dellen auspolieren, es bearbeiten, schleifen und ölen, außerdem kann man es nass machen und dann formen oder, um es auf den Punkt zu bringen: „Holz ist einfach ein wunderschöner Baustoff der Natur”.

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